Giselle – Jean Coralli / Jules Perrot
Ballett in zwei Akten von Jules-Henry Vernoy de Saint-Georges nach Théophile Gautier
Dauer: ca. 2 Stunden und 5 Minuten, Pause inklusive
Produktion der Teatro alla Scala
Seit seiner Entstehung im Jahr 2016 als exklusive Produktion für das English National Ballet wird Akram Khans gefeierte abendfüllende Neudeutung von Giselle nun auch den Künstlern des Balletts der Scala zugänglich gemacht und lädt sie in Khans unverwechselbare choreografische Welt ein. Bekannt für seine körperlich intensive Bewegungssprache, die im Kathak und in der zeitgenössischen Tanzkunst verwurzelt ist, und als einer der gefeiertsten und respektiertesten Tanzkünstler unserer Zeit hat Akram Khan das größte romantische Ballett und seine Geschichte von Liebe, Verrat und Erlösung neu interpretiert und in eine Gemeinschaft von Migranten verlegt – Arbeiter, die von der Aristokratie an den Rand gedrängt werden – in einer verlassenen Fabrik, in der rachsüchtige Geister in den Schatten lauern. Obwohl radikal neu erfunden, bleibt das Wesen von Giselle im Klang- und musikalischen Universum von Vincenzo Lamagna erhalten, dessen Partitur Elemente des Originals von Adolphe Adam aufnimmt, ebenso wie in seinen universellen Themen von Empathie und Vergebung.
Handlung
Zum Verständnis der Geschichte kann es vorteilhaft sein, zu wissen, dass bis weit ins 20. Jahrhundert hinein (nicht nur) unter Adligen arrangierte Ehen – und somit auch Verlöbnisse – aus dynastischen und/oder finanziellen Gründen üblich waren, Liebesheiraten dagegen waren sehr selten. Dies war dem Publikum des 19. Jahrhunderts natürlich bewusst. Obwohl es nirgendwo eindeutig gesagt wird, liegt es daher nahe anzunehmen, dass es sich bei dem Verlöbnis von Albrecht und Bathilde um eine arrangierte Verbindung handelt.
1. Akt: In einem Dorf
Giselle, ein liebenswertes Mädchen, lebt mit ihrer Mutter in einem kleinen Dorf. Der örtliche Förster Hilarion ist in sie verliebt, aber sie erwidert seine Gefühle nicht.
Auch Prinz Albrecht, der bereits mit der adligen Bathilde verlobt ist, liebt Giselle. Er verkleidet sich als Bauer und versteckt sein Schwert (Zeichen seines Adels) in einem Schuppen, um mit Giselle zusammen sein und um sie werben zu können.
Hilarion beobachtet eifersüchtig, wie sich Giselle verliebt, und glaubt, dass sie mit Albrecht verlobt ist.
Als einige Dorfmädchen kommen, tanzt Giselle mit ihnen, aber Giselles Mutter versucht sie davon abzuhalten, weil sie fürchtet, dass ihre Tochter sterben und eine jener Wilis werden könnte, die zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang junge Männer in ihr Verderben führen.
Eine adlige Jagdgesellschaft kommt vorbei, zu denen auch Bathilde (Albrechts offizielle Verlobte) und ihr Vater gehören. Albrecht zieht sich zurück, um nicht erkannt zu werden. Bathilde freundet sich mit Giselle an und schenkt ihr eine Kette. Um sich auszuruhen, kehrt die Prinzessin bei Giselles Mutter ein. Die Jäger ziehen weiter.
Unterdessen beginnt ein Dorffest und die Winzer küren Giselle zu ihrer Weinkönigin. Die glückliche Giselle und Albrecht tanzen.
Inzwischen hat der eifersüchtige Hilarion Albrechts Schwert und dessen wahre Identität entdeckt. Auf dem Höhepunkt des Festes macht er eine Szene und lässt Albrechts Verkleidung auffliegen. Dieser versucht zuerst zu leugnen und die schockierte Giselle zu beruhigen, aber der Förster ruft Bathilde, ihren Vater und die Jäger herbei und Albrecht kann seine wahre Identität und seine Beziehung mit Bathilde nicht mehr verbergen. Giselle verfällt in völlige Verzweiflung, verliert den Verstand (Wahnsinnsszene) und bricht schließlich tot zusammen. (Traditionell stirbt sie an gebrochenem Herzen, in einigen Versionen aus dem 20. Jahrhundert stürzt sie sich in Albrechts Schwert.)
2. Akt: Auf einer Lichtung
Der schuldbewusste Hilarion besucht Giselles Grab im Wald. Als es auf Mitternacht zugeht und unheimlich wird, entfernt er sich.
Die Wilis und ihre Königin Myrtha erscheinen, um Giselle in ihre Reihen aufzunehmen. (Grand Pas des Wilis)
Albrecht tritt auf, gramgebeugt von Schuld und Reue. Als er eine Vision von Giselles Geist hat, folgt er ihr in den Wald.
Zur selben Zeit entdeckt Myrtha Hilarion und tanzt mit ihren Wilis mit ihm, bis er vor Erschöpfung stirbt.
Als Myrtha kurz danach Albrecht findet, will sie auch ihn zwingen, mit den Wilis zu tanzen, aber Giselle bittet darum ihn zu verschonen. Myrtha lehnt ab, aber Albrecht wird durch die Liebe Giselles geschützt und ist gerettet, als die Wilis im Morgengrauen ihre Macht verlieren und sich zurückziehen müssen. Giselle vergibt ihm und löst sich im Morgengrauen in Nebel auf.
Ende, Version 1: Albrecht bricht am Grab Giselles zusammen.
Ende, Version 2: Giselle bittet Albrecht vor ihrem endgültigen Verschwinden, Bathilde zu heiraten, und diese erscheint auf der Lichtung (historisch originale Version des 19. Jahrhunderts; heute selten realisiert).
Ende, Version 3: Albrecht verlässt lebend, aber allein die Lichtung.